Fachgruppensitzung Kultur und Medien 2020

Organizer: Elisabeth Scherer (Universität Düsseldorf)

Kennt Humor Grenzen? Ein interkultureller Vergleich US-amerikanischer und japanischer Comedyformate in Hinblick auf eine kritische Reflexion der Disziplin des Kulturvergleichs (Miriam Herdt, Universität Leipzig)

Ausgehend von einem postkolonialen Zugang zu Kultur als diskursivem hybriden Konstrukt untersuchte der Vortrag die vermeintliche kulturelle Codierung von Humor anhand einer vergleichenden Analyse von zeitgenössischen Comedyformaten aus Japan und den USA. Diese begründet sich aus einer gesellschaftsübergreifenden Einigkeit über eine vermeintliche kulturelle Konnotation von Humor. Genauer betrachtet, muss eine selbstverständliche kulturelle Codierung von Humor jedoch infrage gestellt werden, weil sich die zugrunde liegenden Diskurse über Kultur und Humor ständig wandeln.

Mittels der soziologischen Film- und Fernsehanalyse nach Peltzer/Keppler setzte der Vortrag aktuelle Comedyserien aus Japan und den USA (Saborīman Kantarō, Tokyo Tarareba Musume, Brooklyn Nine-Nine, Great News) zueinander in Bezug. Damit wurde geprüft, ob sich die audiovisuelle Konstruktion von Komik in den Gegenständen unterschiedlicher Ursprungsländer tatsächlich unterscheidet und inwiefern mögliche Differenzen oder Parallelen auf kulturelle Codierungen zurückführbar sind. Eingrenzend wurde dabei vor allem die jeweiligen Repräsentationen heteronormativer Geschlechterrollen und -erwartungen im Kontext von Familie und Beruf sowie deren Verarbeitung in der Populärkultur in den Gegenständen untersucht.

Der Vortrag gab zunächst Einblick in die theoretische Grundlagenarbeit zu Humortheorie im japanischen und anglo-europäischen Raum und ging dann genauer auf das analytische Vorgehen und die Ergebnisse der Untersuchung ein. Der Kulturvergleich als wissenschaftliche Disziplin im Schatten kolonialgeschichtlicher Historie und westlicher Deutungshoheit wurde dabei nicht außer Acht gelassen, sondern stand im Zentrum der Betrachtung.

Siedler*innen-Bilder in Manshū Gurafu (Jasmin Rückert, Universität Düsseldorf)

Während des Bestehens von Manchukuo investierten der japanische Staat und in der Mandschurei ansässige Firmen mit unterschiedlichen Mitteln in die Verbreitung propagandistischer Repräsentationen des Puppenstaates. Ein Beispiel für solche Propagandaproduktionen ist die Zeitschrift Manshū Gurafu, die zwischen 1932 und 1944 herausgegeben und von der Südmandschurischen Eisenbahn (Mantetsu) finanziert wurde. Der frühere Avantgarde-Fotograf Fuchikami Hakuyō und seine Kollegen der mandschurischen Amateurphotographie-Vereinigung prägten den Stil des Magazins maßgeblich.

Sie bedienten sich stilistisch unter anderem aus dem Kanon sowjetischer Propaganda, um die technologische Überlegenheit und einen von Japan angeleiteten Modernisierungsprozess des besetzten Gebiets zu demonstrieren. Gleichzeitig wurde über das Magazin ein Bild eines idyllischen, utopischen und zur Besiedlung durch japanische Siedler bereitstehenden Landes vermittelt. Die Vision von Manchukuo als einem Siedlerparadies stand auch während des Krieges mit China im Vordergrund.

Der Vortrag legte den Fokus auf die Analyse von Darstellungen japanischer Siedler*innen, unter denen insbesondere Frauen und männliche Jugendliche stark vertreten sind. Anhand von konkreten Beispielen wurde außerdem auf methodische Schwierigkeiten der Verbindung empirischer Analyseelemente und einer kritischen Lesart des Magazins im Bezug auf seine soziale Verwendung eingegangen.

Japan‘s National Identity in Flux (Jane Khanizadeh)

Nationale Identität und Nationalismus sind wichtige Bestandteile zur Erhaltung eines Nationalstaates. Die an die nationale Identität gebundene Opferbereitschaft des Individuums kann in Zeiten von Krisen abgerufen werden, um die Interessen des Nationalstaates zu schützen.

Die Aktivierung dieser Opferbereitschaft ist ein wichtiges Werkzeug für Politiker, um unbeliebte oder als nicht dringlich erachtete politische Agenden durchzusetzen. Dieser Fall ist in Japan zu beobachten. Dort etablierte Ex-Premier Abe Shinzō eine mit persönlichen Motivationen durchwachsene Nationalpolitikagenda, die teilweise im Kontrast zur Selbstwahrnehmung vieler Japaner stand. Um Unterstützung für eine solche Agenda zu erhalten, ist nationalistische Rhetorik ein gern genutztes Mittel, da sich hierdurch nationale Identität stärken und emotional aufzuheizen. Die so aufgeladene Sprache wird mithilfe der Massenmedien in die Wohnzimmer der Bevölkerung übertragen und kann sich auf die Verhandlung nationaler Identität auswirken.

Allerdings ist nahezu die Hälfte der japanischen Population politisch nicht aktiv. Die Japaner sind daher nur beschränkt empfänglich für nationalistische Rhetorik und für Politiker schwer zu erreichen. Billigs “Banal Nationalism“ zufolge, welcher die theoretische Grundlage der hier vorgestellten Dissertation bildet, sind Sicherheitskrisen und internationale Sportveranstaltungen zwei der wenigen Anlässe, bei denen große Teile der Bevölkerung durch die Massenmedien erreicht werden können.

Sowohl die nordkoreanische Raketenkrise in 2017 als auch die Rugby-Weltmeisterschaft 2019 in Japan sind Gelegenheiten, um Billigs Ansätze zu prüfen. Deshalb wird in der vorgestellten Dissertation analysiert, wie die mediale Berichterstattung über diese Ereignisse unter Berücksichtigung der verwendeten rhetorischen Mittel erfolgt ist.

Die Dissertation soll zeigen, dass „Banal Nationalism“ keinesfalls harmlos ist, sondern zur Gewinnung realpolitischer Macht herangezogen werden kann.

Darstellung des Essens in den Animationsfilmen des Studio Ghibli (Ralf Windhab)

In fast allen Spielfilmen des Studio Ghibli spielt das Essen eine teilweise recht prominente Rolle, trotz umfangreicher wissenschaftlicher Behandlung dieser Animationsfilme auf den verschiedensten Ebenen wurde das Thema Essen bisher jedoch vernachlässigt. In hier vorgestellten Dissertationsarbeit soll deshalb das Thema des Essens in den Ghibli-Spielfilmen genauer betrachtet werden. Dabei gilt festzustellen, welchen (Stellen-)Wert das Essen in den Filmen hat, ob es einfach nur nebenbei als reine Nahrungsaufnahme dient, oder ob es ein durchaus wichtiger Teil der Handlung ist. Des Weiteren soll auch die Art der Inszenierung („Mise en Scène“) erforscht werden sowie welche Assoziationen mit dem Essen verknüpft sind, ob und welche Bedeutungen darüber transportiert werden, sowie wofür und in welcher narrativen Funktion es verwendet wird.

Als methodischer Ansatz bietet sich ein moderner hermeneutischer Zugang an, wobei grundsätzlich das Gesamtwerk der Ghibli-Filme als Korpus dienen soll. Für die Auswertung sollen, unter Anwendung von softwaregestützter Kodierung relevanter Abschnitte (per MaxQDA), Ansätze der Filmanalyse zur Anwendung kommen. Als besonders geeignet erscheint die qualitative Videoanalyse nach Jo Reichertz und Carina Jasmin Englert, die diese als hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse bezeichnen (Reichertz/Englert 2011: 28-44). Dadurch sollen neben den jeweils konkreten Darstellungen von Essen die dafür relevanten Figuren, Schauplätze, Handlungen, Inszenierungsebenen usw. erfasst und kategorisiert und so für die Analyse, Auswertung und Interpretation aufbereitet werden.

Das Ziel der Arbeit ist es, an den Forschungsstand zu den Filmen des Studio Ghibli anzuknüpfen und diesen dabei um eine empirische Studie zu den bisher kaum beleuchteten Themen „Nahrung“ und „Essen“ zu erweitern und insbesondere auch die Lücke in der deutschsprachigen Fachliteratur über die Filme des Studios Ghibli zu schließen.