Fachgruppensitzung Geschichte 2023

 

Sprecher*innen: 

 

Christoph Völker (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Die Reisen des Okakura Kakuzō nach Europa, China und Indien

Der Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Kurator und Denker Okakura Kakuzō (auch Okakura Tenshin, 1863-1913) war zeitlebens eine führende Persönlichkeit der japanischen Kunstwelt und setzte sich insbesondere mit der Stellung der japanischen Kunst und Kultur in der Moderne auseinander. Neben seinem Engagement für die Kunst prägte aber vor allem sein politisches, panasiatisches Denken Okakuras posthume Rezeption. Doch Okakuras Leben, Beruf und Denken wurden auch durch zahlreiche Reisen geprägt, die ihn mehrfach in die USA, nach Europa, China und Indien führten. Auffällig ist, dass Okakura in der bisherigen Forschung vornehmlich entweder als politischer Denker oder als Kunsthistoriker aufgegriffen wurde, seine Reisetätigkeit aber bisher nur wenig betrachtet wurde. Dabei zeichnet sich gerade eine wichtige Rolle von Okakuras ersten drei Reisen nach Europa 1887, China 1893 und Indien 1902 für sein Denken und seinen Panasianismus ab. Ausgehend von dieser Beobachtung und um Okakuras Reisen ins Zentrum einer Untersuchung zu stellen, beschäftigte ich mich in meiner japanologischen Masterarbeit (SoSe 2023, LMU München) mit der Frage, wie Okakura diese drei aufgeführten Reisen erlebte und wie sie seine Sicht auf Japan und Asien, insbesondere in Hinblick auf seinen Panasianismus prägten.

Die Untersuchung basiert auf der systematischen Quellenanalyse ausgewählter Texte von Okakura, die im zeitlichen Kontext der Reisen entstanden sind, inhaltlich die Reisen thematisieren und Auskunft über Okakuras Erlebnisse und Erkenntnisse geben (Reisetagebücher, Briefe, Vorträge). Als Referenzpunkt der Analyse seines sich entwickelnden panasiatischen Denkens wiederum dient sein dafür repräsentatives Werk The Ideals of the East. Die Untersuchung erfolgt in einer Mischung aus einem chronologischen und einem systematisch-analytischen Zugriff: In drei Kapiteln, die chronologisch geordnet den drei Reisen gewidmet sind, werden systematisch zunächst der jeweils relevante historische Kontext sowie die zu untersuchenden Texte quellenkritisch besprochen, ehe auf Basis des Quellenkorpus die Reisen inhaltlich analysiert werden.

Seine erste Auslandsreise führte Okakura im Jahr 1887 nach Europa, wohin er aufgrund seines Engagements für die Kunst entsandt wurde und in staatlichem Auftrag für die Modernisierung Japans Besichtigungen anstellen sollte. Neben seinem Auftrag beschäftigte sich Okakura außerdem intensiv mit der europäischen Kultur, Kunst und Politik und kam zu teils tiefgreifenden Erkenntnissen. Diese beeinflussten die Sicht des jungen Beamten auf Europa und die westliche Moderne stark und er begann zunehmend, seinen Blick nach Asien zu richten.

Seine zweite Auslandsreise unternahm Okakura 1893 als Professor nach China, um dort für seine Beschäftigung mit der asiatischen Kunstgeschichte Feldforschungen durchzuführen. Nach anfänglichen Rückschlägen und einer intensiven Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur gelangen Okakura bedeutende Entdeckungen, die seine früheren Theorien eines historischen innerasiatischen Kulturaustauschs und seine eigene, auf Asien zentrierte Sichtweise bekräftigten.
Im Jahr 1902 bereiste Okakura schließlich Indien. Dort suchte er zunächst spirituellen Austausch, unternahm Pilgerreisen zu buddhistischen und hinduistischen Stätten und führte erneut kunsthistorische Feldforschungen durch. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse bestätigten Okakura schließlich in seinen Ansichten und Theorien, wozu auch sein ungeplantes und intensives politisches Engagement in Indien beitrug. Okakura traf sich nämlich regelmäßig mit Unabhängigkeitsaktivisten und erarbeitete in diesem Kontext schließlich auch sein Werk The Ideals of the East, in dem er sein politisches und panasiatisches Denken festhielt.

 

 

Julia Glöckl (Universität Leipzig)

Anarchosyndikalistische Netzwerke in Japan und der Welt in den 1920ern. Vorstellung einer Forschungsskizze

Anarchismus (gerade auch in Japan) wird in der Forschung wahlweise als Philosophie einiger radikal-idealistischer Intellektueller oder als die ideologische Motivation hinter aufsehenerregenden Gewalt- und Straftaten wie der Hochverratsaffäre (taigyaku jiken) 1910/11 betrachtet. Was dabei häufig ignoriert oder unterschätzt wird, ist eine Strömung des Anarchismus, die vor allem in den 1920er Jahren noch am ehesten das Potential hatte, eine breite Basis innerhalb der Bevölkerung anzusprechen: Der Anarchosyndikalismus, d.h. die revolutionär-gewerkschaftliche Strömung des Anarchismus, ist damit nicht nur für den Anarchismus von Bedeutung, sondern auch für die Gewerkschafts- bzw. Arbeiter*innenbewegung, stellt er doch einen zahlenmäßig durchaus beachtlichen dritten Block neben den reformistischen und bolschewistischen Gewerkschaftsföderationen dar (im Jahr 1925 in der genannten Reihenfolge: 25 Mitgliedsgewerkschaften mit 8372 Mitgliedern, 35 Gewerkschaften mit 20.000 Mitgliedern und 32 Gewerkschaften mit 12.500 Mitgliedern).

Dieser Vortrag stellt ein neue Forschungsprojekt zu diesem Thema vor. Mithilfe eines softwaregestützten Mappings sowie einer Analyse von transnationalen Netzwerken anarchosyndikalistischer Gewerkschaften/Gewerkschafter*innen (in Form von persönlichen und schriftlichen Kontakten, Mobilitäten von Individuen und Ideen, sowie organisatorischen Verbindungen) in den 1920er Jahren soll darin nachvollzogen, analysiert und veranschaulicht werden, wie weit Kontakte und Mobilitäten den Globus umspannten zu einer Zeit, als transnationale Reisen geld- und zeitaufwendig sowie ausgesprochen beschwerlich waren und die weltweite Distribution von Informationen, Ideen und Theorien keineswegs selbstverständlich. Japan ins Zentrum der Untersuchung zu stellen, ist dabei nicht nur eine fachliche Entscheidung, sondern soll auch dazu dienen, Eurozentrismen aufzubrechen und den außerhalb japanwissenschaftlicher Kreise noch immer kaum beachteten Anarchosyndikalismus in Japan sowie in seiner Verbindung nicht etwas (nur) zu West- und Mitteleuropa und den USA, sondern vor allem auch zu anderen, „periphereren“, Regionen (darunter China und Korea) zu thematisieren.

 

Juljan Biontion (Universität Chiba / Universität Leipzig)

The place of East Asia in Japan’s newly reformed history education since 2022

Since April 2022, Japan has earnestly begun its overhaul of the history subject in high schools. The introduction of «Rekishi sōgō (歷史總合)» aims to integrate Japanese History (formerly Nihonshi) and World History (formerly Sekaishi) into a new one-year course that is mandatory for all high school students. This change is expected to make history more interesting in Japanese schools. Through student-centered, question-driven «active learning» methods, students are expected to learn about Modern and Contemporary history of the world, including Japan, in a way that relates the learned content to finding solutions for contemporary problems.

During my talk, I will discuss how and why there is only a minimal focus on (northern) East Asia in the curriculum. Additionally, despite the intention for classes to address current issues, there is a noticeable absence of discussions about problems between today’s East Asian nations.